Diaspora, das nicht ganz so freie soziale Netzwerk

Ich schreibe hier regelmäßig über Diaspora und versuche auch im privaten Umfeld ein wenig Werbung dafür zu machen. Ich betreibe seit über einem Jahr den Pod ilikefreedom.org und war bisher immer sehr überzeugt von dem freien sozialen Netzwerk. Als 2010 von dem Netzwerk gehört habe, waren es Wörter wie Dezentralität, Privatsphäre, nicht-kommerziell, Einbeziehung der Community, die mich und auch viele andere User angelockt haben.

Was ist davon übrig geblieben? Zwar ist Diaspora weiterhin freie Software und kostenlos, aber die Hauptentwickler stehen sehr in der Kritik (Stichwort Diaspora Inc), da sie ihre Arbeit mit Spendengeldern entlöhnen und vor kurzem die Zusammenarbeit mit Y Combinator begonnen haben. Dieses Unternehmen finanziert junge Unternehmen und bringt sie in Form, damit sie nach der 3 monatigen Zusammenarbeit erfolgreich sein können.
Natürlich sollen die Jungs für ihre Arbeit bezahl werden, aber wenn man Geld von der Community erhält, sollte man auch auf diese hören. Y Combinator kannte ich bisher nicht und ich weiß nicht, ob das nun positiv oder negativ ist. Vielleicht können die den Jungs etwas beibringen, aber vermutlich lernt man dort nur, wie man ein gewinnorientiertes Unternehmen zum Erfolg führt.

Das bringt mich zum nächsten Punkt, denn inzwischen wird nicht mehr auf die Community gehört. Die Entwickler verfolgen jetzt nämlich ihre eigenen Ziele. Primäres Ziel ist es, aus dem Schatten von Facebook herauszutreten und etwas zu schaffen, was individueller, kreativer und nicht nur ein Facebook-Klon ist. Das ist wahrscheinlich auch der Grund für die neuen Profilseiten, die bald standardmäßig für alle Nutzer eingeführt werden sollen. Früher stand mal die zwischenmenschliche Kommunikation im Vordergrund. Die neuen Profile und die Beitragsansicht erschweren das Kommentieren aber ungemein. Jetzt steht eine bunte, noch nie dagewesene (weil sinnlose), hippe, kreative Profilseite im Vordergrund. Was ist bitteschön daran kreativ, ständig Katzenbilder auf zu posten? Wenn man überwiegend Text schreibt, sieht das Profil schrecklich aus. Ich fand das neue Profil nett und ich habe versucht es zu nutzen, aber es taugt einfach nichts.

Das Kommentieren ist ein gutes Thema. Schreibt man einen Kommentar zu einem Beitrag, wird man über weitere Kommentare benachrichtigt. Dies kann man nicht mehr ausschalten, die Follow / Unfollow Funktion wurde entfernt. Die Community war mal wieder sehr aufgebracht, aber scheinbar ist es aufgrund des Codedesigns nicht mehr möglich, diese Funktion zu integrieren. Wenn Diaspora also einmal großen werden sollte und man selbst sehr aktiv kommentiert, muss man mit mehreren tausenden Benachrichtigungen täglich rechnen. Super. Siehe dazu auch Faldrians Beitrag. Ach übrigens, das Benachrichtigungssystem macht auch schon ewig Probleme. Ich muss immer selbst nachschauen, ob es in Beiträgen neue Kommentare gibt.

Der Schutz der Privatsphäre ist zwar zum Teil vorhanden, aber wichtige funktionen, wie eine allumfassende Verschlüsselung, fehlen. Außerdem wird es in der Diaspora Konfiguration eines Pods ermöglicht, Amazon S3 Cloud Storage zu benutzen, Google Analytics zu integrieren und andere Fremdienstleister die Nutzer ausspionieren zu lassen. Zwar muss jeder Podbetreiber selbst entscheiden, was er mit seinem Pod anstellt, aber die Entwickler sollten es nicht so einfach gestalten. Mit der Integration von Piwik kann ich hingegen leben.

Der letzte Punkt auf meiner Liste ist die Dezentralität. Schaut man mal auf podupti.me finden sich dort jede Menge Pods, sehr gut soweit. Das Aufsetzen eines Pods ist zwar lange noch nicht so leicht wie geplant, die Notwendigkeit eines SSL Zertifikates und die Voraussetzung eines 24/7 Servers erschweren dem normalen Benutzer die Installation. Das größte Problem ist aber, dass die Federation, also das Verteilen der Beiträge zu anderen Pods, nicht richtig funktioniert. Und das nicht erst seit gestern, sondern schon eine gefühlte Ewigkeit. Kommentare, Bilder und ganze Beiträge finden nicht den Weg zu allen Usern. Dazu gab es schon haufenweise Bug Reports, Anfragen, Bitten, Schimpfereien usw. Die Entwickler haben es entweder ignoriert, die Bug Reports geschlossen (da Federation inzwischen nur noch als Feature eingestuft wird) und scheinbar weigern sie sich, das Federation Protokoll neu zu schreiben, weil Design und unwichtige Funktionen Vorrang haben.
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Die wollen lieber bunte, ruckelige, schwer benutzbare und nicht barrierefreie (!!!) Profile als ein funktionierendes System.

Als Entschuldigung der Entwickler bekommt man zu hören, dass irgendjemand ja entscheiden muss, was gemacht wird und was nicht. Man kann eben nicht auf jeden kleinen Wunsch aus der Community eingehen. Beim Linux Kernel entscheidet ja auch Linus, was gemacht wird und was nicht. Diaspora hat sich aber in eine kommerzielle Abhängigkeit gegeben, die zwei negative Effekte mit sich bringt:

  1. Das Geld muss fließen. Wo es herkommen soll, weiß ich auch nicht, aber ohne Geld wird da nichts mehr laufen.
  2. Weil DIaspora nun ein kommerzielles Produkt ist, schreckt dies vermutlich einige Entwickler ab. Warum sollte man auch seine Zeit investieren, wenn andere Leute daran verdienen?

Ich habe inzwischen aufgehört, Diaspora zu empfehlen. Trotzdem habe ich noch Hoffnung, dass die Entwickler irgendwann merken, was sie dort anrichten. Wenn ich zumindest lesen würde, dass Federation, Offenheit und Benutzbarkeit wieder oben auf der Liste stehen, dann würde ich Diaspora wieder weiterempfehlen.

Ich kann verstehen, dass selbst kleine Änderungen im Code extrem viel Zeit in Anspruch nehmen können. Auch muss es einen festen Plan geben, denn wenn man einfach drauf los entwickelt, wird später viel schief gehen. Das dürfte selbst jeder kleine Hobby Programmierer kennen. Wenn aber das Diaspora Team seine eigene Meinung nicht überdenkt, wird das Projekt langfristig den Bach runter gehen. Entwickler werden abspringen, Podbetreiber verlieren die Lust bzw. die Überzeugung und User werden zu freieren sozialen Netzwerken wechseln. Aber vermutlich ist es so geplant und Diaspora entwickelt sich zu einem quasi-zentralen Netzwerk, in dem 99% aller User auf joindiaspora.com herumhängen.

11 Gedanken zu “Diaspora, das nicht ganz so freie soziale Netzwerk

  1. Wenn ich Deinen Artikel so lese, dann kommen da tatsächlich viele Einzelpunkte zusammen, die ich mir als Normalnutzer (heisst: Nutzer eines bestehenden Pods und nicht Betreiber eines eigenen Pods) in Summe noch nie so klar gemacht habe. Einmal mehr zeigt sich offfenbar, dass auch ein gutes Grundkonzept nur bedingt taugt, um eine gute Idee auf positive Art und Weise weiter zu entwickeln. Es braucht vor allem Leute, die ein Projekt auf Spur halten. Und natürlich ist es gut, wenn das Grundkonzept diese sinnvollen Leute sinnvoll einbindet.

    Und wenn ich mir nun die oben formulierten Zeilen vor Augen halte, dann setzt sich die unangenehme Erkenntnis durch, dass da schon viele Wenns beteiligt sind, wenn man über über eine längere Zeit ein System sinnvoll weiter entwickeln will. Das klingt ein wenig resignativ, lässt aber tatsächlich die These zu, dass wir die bestehende (kommerzielle und nicht kommerzielle) Systeme so lange nutzen können, so lange wir dir gröbsten Fehlentwicklungen vermeiden können. Danach muss man gehen. Allerdings sind sogar diese Mindestanforderungen an ein Selbst-Management in Bezug auf sinnvolle Plattformen darauf angewiesen, dass nicht ein Schwarm von dollarzeichenbestirnten Mitmenschen dieses ganze Konstrukt einreisst, ohne ihr Tun auch nur halbwegs zuende gedacht zu haben. Hmm, das macht beinahe schwermütig. Und doch gilt es, gegen diese Windmühlen immer wieder neu mutig anzutreten. Was bleibt einem sonst?

  2. Teilweise funktioniert die Federation ja ganz gut, deine Kaffee-Nachrichten kommen alle an. Ich wollte hiermit auch niemanden vergraueln, aber es ist nunmal nicht alles Gold was glänzt. Aber angeblich geht Diaspora inzwischen wirklich auf die Beta zu, was bedeutet, dass bis dahin die wichtigsten Features und Anforderungen feststehen und größtenteils nur noch Fehler beseitigt werden.
    Ich bin auf das neue Profil und dessen Integration gespannt, angeblich soll das dann ja die Beta Phase einleiten. Wie gesagt, von der Idee und dem Konzept bin ich immer noch überzeugt und ich werde ein hartnäckiger Nutzer bleiben, nur hoffe ich, dass sich noch einiges ändert.

    Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass im Moment viele Spendengelder zusammen kommen. Nun, wo sie sich von Y Combinator abhängig gemacht haben, ist es vielleicht zu spät. Wenn sie endlich mal wieder etwas offener für die Community werden und ihre ursprünglich gesetzten Ziele umsetzen würden, dann würden die Spenden auch wieder ansteigen. Ein gutes Beispiel ist diese Seite: http://diasporaproject.org/

    Ziemlich weit unten: “Export your data” und “Move Pods”. Bei beiden steht seit Start der Seite “coming soon”. Ebenfalls gibt es keine Awesome Apps, da keine API vorhanden ist, also kann auch niemand Apps entwickeln.

  3. Ich glaube keiner der Punkte in diesem Beitrag war mir neu. Dafür rege ich mich quasi schon berufsmäßig (wenn man damit nur Geld verdienen könnte…) über Diaspora auf.
    Die Vorstellungen, was die Entwickler gerne für ihren “Fame” hätten und was die Benutzer gerne für ihren Alltag hätten, driften einfach immer weiter auseinander. Das ist traurig mit anzusehen.

    Aber davon abgesehen muss ich auch bemerken, dass die Leute, die man auf Geraspora (dort bin ich unterwegs) so trifft, echt erste Sahne sind. Viele tolle Leute, die ich ohne das Projekt nie kennengelernt hätte. Außerdem sind es Leute mit starken Überzeugungen, denn sie beißen sich Tag für Tag durch die Mühsamkeit der Diaspora-Software. Wir sind Helden. :D

  4. Dein Beitrag hat ja einen großen Ansturm ausgelöst und auch bei mir das Fass zum Überlaufen gebracht. Die Entwickler bekommen das ja mit und sind sicherlich ziemlich genervt, das kann ich verstehen. Aber sie müssen einsehen, dass sich etwas ändern muss.

  5. “Doppelpost” Kommentar-Antwort, die ich auf Diaspora gepostet habe:

    @Finn Christiansen Ich fühle mich nicht vergrault, keine Angst. Nur nimmt die reale Entwicklung in solchen Situationen viel weg von dem, was man allgemein Empathie nennt. Man hat schon zu oft miterlebt, wie eine gute Idee frontal an die Wand gesetzt wurde.

    Auch ich mache viel Mundpropaganda für Diaspora. Als Hauptargument führe ich es als Beispiel dafür an, wie man ein SN “mit guten Grunssätzen” machen kann. Wenn dann diese Argumentation quasi von den Machern selber konterkariert wird, dann bleiben nicht mehr viele Argumente pro Diaspora. Weil, mehr Reichweite ist eh woanders (ob nun bei dem fiesen Blauen oder bei Google+). Sowas ist schade und ganz nebenbei kostet es persönlich auch Kraft. Wer kennt das nicht? Ich persönlich argumentiere jetzt seit den Anfängen von OpenSource immer und immer wieder für “die bessere Lösung”, die eben auch möglich ist. Falls Diaspora wirklich allmählich einbricht, dann wäre einmal mehr eine Chance vertan und viel Kraft auch.

  6. Ich bin mir auch nicht mehr so sicher, dass Diaspora seinen Status ewig wird halten können. Friendica ziehen viele heran als Alternative. Das sieht zwar blöd aus und es hilft auch nicht richtig, da durch die Konnektoren ganz neue Probleme auftauchen, aber es zeigt immerhin, dass es andere Konzepte an dezentrale Netzwerke geben kann.

    Mittlerweile kann man die private Verschlüsselung mittels Javascript auch als Lösungsvorschlag betrachten, der nur mal in ein Netzwerk gebaut werden muss. Leute, die damit anfangen, gibt es schon. Andere Projekte wären libertree oder https://wlfriends.org/ . Davon ist aber immer noch kein Projekt so richtig gut, so firefoxgut eben. Aber es wird bald soweit sein. Und wenn die Federation bei Diaspora dann nicht konkurrenzfähig ist, ist es eben ein anderes freies Netzwerk.

  7. Pingback: Diaspora am Scheideweg: Freiheit alleine reicht nicht | picomol.de

  8. http://movim.eu/ ist ein weiterer Kandidat. Basiert vollständig auf XMPP und ist deswegen ziemlich robust. (Beiträge sollten wirklich ankommen (es sei denn, der Cache streikt mal wieder :-) ) ). Die meisten hier genannten Projekte haben alle mehr Funktionen als Diaspora, und das obwohl sie durchschnittlich 200 000 $ weniger zur verfügung haben. Das gibt mir immer zu denken. Was machen die Jungs von Diaspora den ganzen Tag?

  9. Ich finde das Diaspora eigentlich nicht so schlecht läuft. So ein dezentrales Netzwerk zu entwerfen ist schon sehr aufwendig. Das sollte man nicht vergessen. Wie bei jedem Open Source Projekt reden viele und coden wenige. Leider. Auch von User Interfaces haben die meisten keine Ahnung und reden halt viel. Also einfach mal sehen was sich die Jungs gedacht haben. Wenn es zu schlecht wird kann man ja einen Fork machen … Das ist ja das schöne an Open Source.

  10. Ich bin auch neu bei Diaspora und bin eigentlich ganz zufrieden. Gruppen wären noch gut, aber die Federation funktioniert bei mir hervorragend.
    Habe auch gehört, dass Diaspora jetzt in den Händen der Community ist – vielleicht ändert sich jetzt ja etwas?

  11. Moin,

    ja ein paar Sachen fehlen schon noch, aber es hat bisher ja auch ohne funktioniert. Die ursprünglichen Entwickler hatten grob gesagt keine Lust mehr auf das Projekt und haben es an die Community abgegeben, das funktioniert auch ganz gut soweit.

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